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Vor allem in den Wintermonaten suchten altsteinzeitliche Menschen Höhlen zum Schutz vor Kälte, Wind und Nässe auf. Im Bild die Bocksteinhöhle im Lonetal. Zahlreiche Funde belegen die Anwesenheit unserer Vorfahren vor Ort.

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Der Weg zum UNESCO-Welterbe


Seit gut drei Jahren sind die „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ als erstes paläolithisches Welterbe in Deutschland ausgewiesen.

Vor etwa 35000 bis 40000 Jahren erreichte die steinzeitliche Kunst die erste Blüte. Während in Ostfrankreich die frühesten Höhlenmalereien Europas entstanden, wurden auf der Schwäbischen Alb kleine Tier- und Menschenplastiken aus Mammutelfenbein geschnitzt. Weltweit einzigartig sind bislang die Flöten aus Vogelknochen und Mammutelfenbein aus den Höhlen der Schwäbischen Alb – es sind die ältesten der Welt. Das Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen hat die Federführung bei den Grabungen. 

Am 9. Juli 2017 hat das Welterbe-Komitee der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) in der polnischen Stadt Krakau in der Rekordzeit von nur knapp dreizehn Minuten die Abschnitte zweier Täler der Schwäbischen Alb in Südwestdeutschland als Welterbe ausgewiesen. Die UNESCO vergibt den Titel eines Welterbes an Wahrzeichen oder Gebiete, die weltbekannt für ihren Erhaltungszustand, ihre Einzigartigkeit, die Authentizität und die Integrität sind. Um in die Welterbe-Liste aufgenommen zu werden, muss das entsprechende Wahrzeichen eines oder mehrere der zehn Kriterien erfüllen, die in der Welterbe-Konvention der UNESCO (UNESCO 2004) festgelegt sind. Der Welterbe-Status der schwäbischen Höhlenfundstellen basiert auf Kriterium „(iii)“, wonach sie „ein einzigartiges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis von einer kulturellen Tradition oder einer bestehenden oder untergegangenen Kultur“ darstellen. Zusammen bilden die beiden Talabschnitte das erste paläolithische Welterbe in Deutschland.

Einzigartige Zeugnisse menschlicher Kultur

Erste Planungen für die Bewerbung des Ach- und Lonetals als UNESCO-Welterbe gab es schon in den späten 1990er Jahren. Damals hatte eine Reihe neuer Ausgrabungen und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die weitreichende Bedeutung der Fundstellen für die Menschheit in den Vordergrund gerückt.

Bis allerdings der ausgearbeitete Vorschlag bei der Konferenz der Kultusminister eingereicht werden konnte, sollten noch mehr als zehn Jahre vergehen (siehe Seite 9).

Die beiden Flusstäler bieten vielfältige Belege menschlicher Besiedlung in einer einzigartigen eiszeitlichen Landschaft. Sie sind jedoch vor allem für die frühesten weltweit bekannten Beispiele für mobile figürliche Kunst und Musikinstrumente bekannt, die vor etwa 40 000 Jahren entstanden.

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Die größte und wohl spektakulärste Figur von der Schwäbischen Alb: der Löwenmensch aus Mammutelfenbein (Höhe: 31,1 cm).
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Diese Frauenfigur aus Mammutelfenbein (Höhe: 5,9 cm) fand sich im Hohle Fels in Schelklingen.
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Musikinstrument aus der Eiszeit: Diese nahezu komplette Flöte aus einem Gänsegeierknochen (Länge: 21,8 cm) legten Forscher* innen 2008 im Hohle Fels bei Schelklingen frei.

Warum setzte sich Homo sapiens durch?

Die Frage nach unseren Wurzeln gehört zu den grundlegendsten der Menschheit. Was ist der Mensch? Woher kommen wir? Wie entwickeln wir uns? Warum setzte sich Homo sapiens gegen die anderen, mindestens vier weiteren Menschenformen durch, die während der letzten Eiszeit noch existierten?

Wir können uns diesen Fragen nähern, indem wir uns mit der kulturellen Evolution des Menschen beschäftigen. Die verschiedenen Menschenarten hatten im Laufe der Jahrzehntausende unterschiedliche kulturelle Kompetenzen entwickelt, die sich beispielsweise in verschiedenen Techniken, Werkzeugen oder Schmuckstücken ausdrücken. Die beste Quellenlage zum Ursprung von mobiler Kleinkunst, Musikinstrumenten und Schmuckgegenständen kennen wir derzeit aus den Höhlen der Schwäbischen Alb im Achtal, nämlich dem Hohle Fels, Sirgenstein und Geißenklösterle sowie aus den Höhlen Vogelherd, Hohlenstein-Stadel und Bockstein im Lonetal. Sie alle befinden sich im Juragestein. Während des Tertiärs war die Ur-Lone die Verlängerung des ursprünglichen Neckars im heutigen Lonetal, die Ur-Donau floss noch vor 200000 Jahren im heutigen Achtal.

Die Höhlen wurden zwar schon von Neandertalern genutzt, doch das Gros von Artefakten findet sich aus jener Zeit, als der moderne Mensch aus Afrika nach Mitteleuropa einwanderte und über die Schwäbische Alb zog. Auch diese Menschen suchten regelmäßig Schutz in den Höhlen und hinterließen ihre Spuren.

Höhlen sind sogenannte Sedimentfallen, und die Artefakte haben sich in den schwäbischen Höhlen im feuchten Boden sehr gut erhalten. Aufgrund der mehr als 150-jährigen Forschungsgeschichte haben wir ein sehr genaues Bild von der Besiedlung der Schwäbischen Alb. Wir können heute anhand der aurignacienzeitlichen Funde aus der Zeit zwischen 42000 und 34000 Jahre vor heute den Versuch wagen, die großen Fragen der Menschheit ansatzweise zu beantworten.

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Mystische Stimmung am Südeingang der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen.

Schnitzereien und Flöten

Der Hohle Fels in Schelklingen im Achtal wurde erstmals 1870/71 ausgegraben, ab 1977 unter Joachim Hahn, seit 1997 gräbt der Erstautor dort. Die Funde aus dem Aurignacien sind spektakulär. 2008 wurde eine Schnitzerei aus Mammutelfenbein ausgegraben, die älteste bislang bekannte Frauendarstellung der Welt. Unweit davon entdeckten wir ebenfalls 2008 eine Flöte, die aus dem Flügelknochen eines Gänse – geiers (Gyps fulvus) gefertigt worden war – und hielten damit tatsächlich das älteste Musikinstrument der Welt in den Händen.

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Ausgrabungen im Hohle Fels in Schelklingen in den Jahren 2009…
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…und 2020

Pferdekopf und Löwenmensch

Aus der Höhle stammen weiter ein Pferde kopf, ein Wasservogel und die Skulptur eines Mischwesens, halb Mensch, halb Löwe – alle aus Elfenbein hergestellt. Zudem stammen Hunderte Schmuckstücke und Zehn – tausende Artefakte aus Stein, Knochen und Elfenbein aus dem Hohle Fels. Schräg gegenüber dieser Höhle liegt der Sirgenstein. Die 1906 gegrabene Fundstelle lieferte ungestörte Schichten aus der Zeit des Neandertalers und dem Übergang zum sogenannten Jungpaläolithikum, das durch den Homo sapiens geprägt ist. Das Geißenklösterle liegt eineinhalb Kilometer stromabwärts und lieferte die ältesten Hinweise für den Aufenthalt moderner Menschen auf der Schwäbischen Alb. Dort fand Joachim Hahn in den 1970er Jahren ebenfalls figürliche Kunst aus Mammutelfenbein – eine Mammutskulptur, die eines Höhlenbären, ein Wisent und den berühmten „Adorant“, die Reliefdarstellung eines Menschen mit erhobenen Armen. Die Flöten aus Elfenbein und Singschwanknochen bilden ein Ensemble mit den Funden aus dem benachbarten Hohle Fels.

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Ausgrabungen in der Hohlenstein-Stadelhöhle 2010. Hier fanden sich unter der Leitung von Robert Wetzel die zahlreichen Bruchstücke der wohl spektakulärsten Elfenbeinfigur aus der Steinzeit: der Löwenmensch.

Mammutfigur und doppelt gelochte Perlen

Im Lonetal liegt die Vogelherdhöhle, in der Gustav Riek schon 1931 zehn etwa 40000 Jahre alte Kunstwerke aus Elfenbein und eines aus Geweih gefunden hatte. Aus den Neugrabungen im Abraum der Grabung Riek unter Leitung des Erstautors stammen wiederum Hunderte von Schmuckstücken, vornehmlich die typischen doppelt durchlochten Perlen, die aus beinahe allen aurignacienzeitlichen Fundstellen der Schwäbischen Alb belegt sind. 2006 entdeckte das Grabungsteam eine perfekt geschnitzte und vollständige erhaltene kleine Mammutfigur. Weiter fanden sich hier Flötenbruchstücke und Dutzende Fragmente figürlicher Kleinkunst sowie Tausende Steinartefakte und zahlreiche Reste von Mammuten. Der naheliegende Hohlenstein-Stadel ist für die größte aller eiszeitlichen Figuren bekannt, den Löwenmenschen, der 31,1cm misst und aus einem Mammutstoßzahn gefertigt worden war. Wenige Kilometer flussaufwärts befindet sich dann die Bocksteinhöhle. Sie hat nicht nur zahlreiche Funde des Neandertalers geliefert, auch Homo sapiens nutzte die umliegende aurignacienzeitliche Landschaft intensiv und hinterließ in der Höhle seine Spuren.

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Aus Mammutelfenbein gefertigte Figuren aus der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen.
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Schmuck, geborgen aus den aurignacienzeitlichen Schichten in den Höhlen der Schwäbischen Alb. Reihen 1–2: Vogelherd; Reihen 3–5: Hohle Fels und Sirgenstein (Stück in Reihe 5 ganz rechts).

Kannten sich Neandertaler und Homo sapiens?

Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich Vertreter der beiden Menschenarten auf der Schwäbischen Alb begegnet sind? Hinweise darauf wären beispielsweise Belege für eine Kontinuität unter den zahlreichen Steinartefakten und solchen aus organischen Materialien. Eine durchgängige Schichtenfolge würde ebenfalls dafürsprechen. Dies ist jedoch beides ganz klar nicht der Fall: in jeder der Höhlen ist eine beinahe fundleere Schicht zwischen den Schichten des Mittelpaläolithikums, der Zeit der Neandertaler in Mitteleuropa, und dem Jungpaläolithikum, dessen Träger der Homo sapiens ist. Bei den kulturellen Hinterlassenschaften ist ein klarer Bruch zwischen den Inventaren des Mittelpaläolithikums und jenen des Aurignaciens erkennbar.

Die plausibelste Erklärung dafür ist, dass sich Neandertaler und moderne Menschen in dieser Region nicht getroffen haben und es hier keine oder zumindest nicht nachweisbare Kontakte zwischen beiden Menschenformen gab. Wir wissen heute, dass sich beide Menschenformen miteinander fortgepflanzt haben und fruchtbare Nachkommen zeugten. Wir haben noch keinen sicheren Hinweis auf eine Begegnung auf der Schwäbischen Alb, doch in anderen europäischen Regionen trafen sich Neandertaler und moderne Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Senckenberg forscht für die UNESCO-Anerkennung

Die Welterbe-Stätten des Ach- und des Lonetals beinhalten mit die besten Belege für die Lebensweise der späten Neandertaler und der frühen Homo sapiens in Eurasien. Die Schlüsselfunde früher Schmuckstücke, figürlicher Kunst, mythischer Bilder und Musikinstrumente sind untrennbar mit den Fundstellen und der Landschaft verbunden. Sie bieten eine außergewöhnliche Quelle für die Ursprünge von Kunst, Musik und Religion – alles Merkmale, die zu universellen Aspekten des kulturellen Lebens von Menschen auf der ganzen Welt wurden.

Die laufenden Ausgrabungen und Forschungen stimmen optimistisch, dass die Argumente für den herausragenden universellen Wert (OUV) der Höhlen weiter gestärkt werden. Seit mehr als zehn Jahren arbeiten die Mitarbeiter*innen von SHEP auf der Schwäbischen Alb und haben bedeutende Forschungsergebnisse erzielt, die zum Erfolg des Welterbe-Status beigetragen haben.

Literatur

Conard, N.J. (2009): A female figurine from the basal Aurignacian of Hohle Fels Cave in southwestern Germany. – Nature 459: 248–252.

Conard, N.J. & Kind, C.-J. (2017): Als der Mensch die Kunst erfand. Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb. – Darmstadt: Theiss Verlag.

Conard, N.J., Malina, M. & Münzel, S.C. (2009): New flutes document the earliest musical tradition in southwestern Germany. – Nature 460: 737–740.

Alm B.-W. & Abtlg. Ältere Urgesch. und Quartärökologie Tübingen (Hrsg.) (2009): Eiszeit – Kunst und Kultur. Begleitband zur Großen Landesausstellung Baden-Württemberg 2009. Konzeption: Conard, N.J., Floss, H., Barth, M., Serangeli, J. – Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag.

Hahn, J. (1986): Kraft und Aggression. Die Botschaft der Eiszeitkunst im Aurignacien Südwestdeutschlands? – Tübingen: Archaeologica Venatoria.

Müller-Beck, H.-J., Conard, N.J. & Schürle, W. (Hrsg.) (2001): Anfänge der Kunst. Eiszeitkunst im Süddeutsch-Schweizerischen Jura. – Stuttgart: Theiss Verlag.

Riek, G. (1934): Die Eiszeitjägerstation am Vogelherd im Lonetal. – Tübingen: Heine Verlag.

Sanz, N. (Hrsg.) (2015): Human Origin Sites and the World Heritage Convention in Eurasia. – World Heritage Papers 41: Volume I & II. Paris, Mexico City: UNESCO.

Schmidt, R.R. (1912): Die diluviale Vorzeit Deutschlands. Mit Beiträgen von E. Koken und A. Schliz. – Stuttgart: E. Schweizerbartsche Verlagsbuchhandlung.

Wehrberger, K. (Hrsg.) (2013): The Return of the Lion Man. History, Myth, Magic. – Companion book to the exhibition in Ulmer Museum November 15, 2013 – June 09, 2014.

Wolf, S. (2015): Schmuckstücke – Die Elfenbeinbearbeitung im Schwäbischen Aurignacien. – Tübingen: Kerns Verlag.

Die Autor*innen

Team HEP Conard
Prof. Nicholas J. Conard, PhD, ist Lehrstuhlinhaber für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen. Seit 2017 ist er Institutsleiter des SHEP Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf der paläolithischen Archäologie und der Evolution und Ausbreitung der modernen Menschen sowie auf Paläoumweltrekonstruktionen.
Team HEP Wolf
Dr. Sibylle Wolf ist wissenschaftliche Koordinatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am SHEP Tübingen. Sie erforscht die Bearbeitung und Nutzung von organischen Rohmaterialien in der Altsteinzeit mit einem Schwerpunkt auf Mammutelfenbein und Schmuck, die Hinweise auf frühe Identitäten altsteinzeitlicher Menschen geben.

Kontakt:

Prof. Nicholas J. Conard, PhD
Universität Tübingen und Senckenberg Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment Burgsteige 11, D-72070 Tübingen
nicholas.conard@uni-tuebingen.de